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Tierwohl und Umweltschutz – sind die Zielkonflikte lösbar ?

Die Anforderungen an die Nutztierhaltung steigen. Mehr Fläche pro Tier, am besten draussen. Gleichzeitig fordert die Gesellschaft aktiven Umweltschutz – ein Konflikt mit dem Tierwohl?

Die Anforderungen an die Nutztierhaltung steigen. Mehr Fläche pro Tier, am besten draussen. Gleichzeitig fordert die Gesellschaft aktiven Umweltschutz – ein Konflikt mit dem Tierwohl?

Die Konsumentinnen und Konsumenten sähen Nutztiere lieber auf der Weide statt im Stall. Welchen Effekt hat das auf die Umwelt?
Pius Vonarburg: Leider denken die meisten, den Tieren gehe es nur im Grünen gut. Dabei können Ställe nach höchstem Standard «wohlig» gestaltet werden. Eine extensive Tierhaltung macht aus umwelttechnischen Gründen weniger Sinn. Nehmen wir das Beispiel der Kühe. Kühe stossen Methan aus, das erwiesenermassen ein Vielfaches schlimmer ist als CO₂. Verbringt die Kuh mehr Zeit auf der Weide, entsteht pro Liter Milch sogar noch mehr Methan, als wenn sie im Stall ist, unter anderem wegen der Mikroorganismen in der Verdauung. Bei einer extensiven Milchviehhaltung sinkt zudem die Milchleistung. Für die gleiche Leistung braucht es gut die doppelte Anzahl Kühe. Zwar verdoppeln sich die Treibhausgase nicht gleich, weil die Kühe beim intensiven Betrieb auch mehr Kraftfutter fressen, das produziert werden muss, aber von einem Drittel mehr kann man schon ausgehen. Für das Klima ist eine intensive Tierhaltung also eindeutig besser.

Hannah von Ballmoos-Hofer: Hinzu kommt, dass Weiden auch Platz brauchen. Platz, der sonst etwa für den Ackerbau verwendet werden könnte. 

Hannah von Ballmoos-Hofer, Leiterin des Fachbereichs Energie und Umwelt beim Schweizer Bauernverband.
« Ein bewusster Konsum wirkt sich sowohl auf das Tierwohl als auch auf das Klima positiv aus. »

Welche Möglichkeiten gibt es, diese Emissionen zu vermeiden?
Hannah von Ballmoos-Hofer: Es gibt bereits technische Massnahmen, zum ­Beispiel im Bereich der emissionsvermindernden Ausbringung von Düngemitteln. Durch landwirtschaftliche Bio-Gasanlagen kann man Nährstoffkreisläufe schliessen, Emissionen im Prinzip reduzieren und dabei noch Energie gewinnen. Darin liegt auch politisch ein reges ­Interesse. Grosses Potenzial sehen wir auch in den methanhemmenden Futterzusätzen. 

Was ist denn nun erstrebenswerter: eine Tierhaltung wie im Bilderbuch oder der Umweltschutz?
Pius Vonarburg: Das ist eine Gretchenfrage. Ich will das Beste für meine Tiere – aber das Chugeli, auf dem wir leben, gibt es halt auch nur einmal. Die Balance ist also entscheidend. Allerdings muss man auch sagen: Alle ­Anforderungen, sei es bezüglich Tierhaltung, Umweltschutz oder Nachhaltigkeit, vorbildlich zu erfüllen oder gar zu übertreffen, ist schlicht noch nicht möglich. Und wenn, dann nur mit unliebsamen Konsequenzen.

Will heissen?
Pius Vonarburg: Würden wir keine Pflanzenschutzmittel und keine Gülle einsetzen und würden wir lediglich eine «Hampfel» Tiere auf riesigen Landflächen halten, müssten wir, um unsere Ernährung zu sichern, noch viel mehr aus dem Ausland importieren. In der Schweiz haben wir das strengste Tierschutzgesetz der Welt und strikte Reglemente bezüglich Pflanzenschutz. In beiden Bereichen wird konsequent kontrolliert. Das gibt es im Ausland so nicht. 

Hannah von Ballmoos-Hofer: Damit kommen wir dem eigentlichen Konflikt etwas näher. Oft wird den Landwirtinnen und Landwirten vorgeworfen, gegen das Wohl von Umwelt und Tier zu arbeiten. Dabei sind genau die beiden Aspekte im Urinteresse der Landwirtschaft. Die natürlichen Ressourcen sind unsere Produktionsgrundlage, und die wollen wir schützen. Es gibt aber Zielkonflikte, welche die Landwirtinnen und Landwirte nicht allein lösen können. Hier sind auch Konsumentinnen und Konsumenten gefordert, sich für eine nachhaltige Richtung zu entscheiden. Ein bewusster Konsum wirkt sich positiv sowohl auf das Tierwohl als auch auf die Umwelt aus. 

Pius Vonarburg, Landwirt aus Schötz (LU)
« Dank Forschung und Entwicklung neuer Technik werden die Zielkonflikte kleiner. »

Welche Chancen entstehen für Bauernfamilien, die sich für das Tierwohl und den Umweltschutz engagieren?
Hannah von Ballmoos-Hofer: Zum Beispiel die Möglichkeit zur Label-Produktion. Der Markt stagniert allerdings. Bei Befragungen gibt mehr als die Hälfte an, dass sie Bio-Produkte kaufen wollen. Bei den tierischen Produkten entspricht der Bio-Marktanteil sechs Prozent. Das ist für die Landwirtinnen und Landwirte frustrierend – viele von ihnen möchten sich gerne mehr für das Tierwohl einsetzen, aber es fehlt der Absatz. Ein deutliches Beispiel: Bei der Label-Schwein-Produktion werden die Hälfte der BTS-Schweine nicht unter dem Label vermarktet. Viele Betriebe würden den Schweinen den Auslauf anbieten wollen, aber die Nachfrage folgt nicht. 

Pius Vonarburg: Wir sichern uns ja auch unsere Lebensgrundlage damit, dass wir unseren Tieren und der Umwelt Sorge tragen. Um Zielkonflikte verhindern zu können, wird fleissig geforscht. Ich bin gespannt, wie sich die Technik weiter entwickelt.

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