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«Wir im Wallis haben das ‹Puure› im Blut»

Paul Julen ist Hotelier und Bauer aus Leidenschaft und führt damit die jahrhundertalte Tradition der Familie fort. Die Leitung der Hotels hat er mittlerweile an die nächste Generation übergeben – nun kann er sich ganz der Landwirtschaft widmen.

Paul Julen ist Hotelier und Bauer aus Leidenschaft und führt damit die jahrhundertalte Tradition der Familie fort. Die Leitung der Hotels hat er mittlerweile an die nächste Generation übergeben – nun kann er sich ganz der Landwirtschaft widmen.

In Zermatt, nur wenige Hundert Meter von der Gondelbahn zum Sinnbild der Schweiz entfernt, befindet sich der Landwirtschafts­betrieb von Paul Julen. Wohl kaum jemand, der nicht ortskundig ist, würde hinter den unscheinbaren Stallungen am Fusse des Matterhorns einen der bekanntesten Männer der Region am Werk vermuten. Drei Hotels, drei Res­taurants, ein Privat-Chalet und ein Pub führt die Familie Julen. Seit über 110 Jahren prägt sie bereits den Tourismus von Zermatt. «Meine Gross­eltern hatten vier Kühe – damit wa­-ren sie reich», erklärt Paul Julen. «Sie bauten ein Haus und vermieteten ein paar Zimmer.» Als der Grossvater starb, machte die Grossmutter weiter. Schliesslich hatte sie den Hunger von sieben Kindern zu stillen. Das Geschäft begann zu florieren. Im Erwachsenenalter teilte sich der Nachwuchs schliesslich auf: Die einen widmeten sich dem Tourismus, die ­anderen der Landwirtschaft, wie einst der Vater. Bis die nächste Generation kam. «Ich war primär Hotelier», so Julen. Doch die Landwirtschaft begleitete auch ihn schon ein Leben lang. «Es war klar, dass wir jeden Sommer auf der Alp verbrachten», erinnert er sich, «und sowieso jede freie Minute dem Onkel im Stall halfen.» Gelernt habe er das Metier nie. «Wir im Wallis, wir haben das im Blut.»

Strom für 300 Haushalte ­aus Speiseresten
Über 100 Hektaren bewirtschaftetes Land, meist in Kleinstparzellen auf­geteilt und zur Bearbeitung gepachtet, zählen zum Landwirtschaftsbetrieb von Julen. Dazu kommen Milchvieh und gut 300 Schwarznasenschafe, eine urtümliche Rasse, die heute hauptsächlich im Oberwallis gehalten wird. Milch geben die Tiere kaum genug für ihre Lämmer. Deshalb produzieren die Julens keine Schafmilch. Das Fleisch und die Felle dagegen findet man überall in ihren Lokalitäten. Sei es auf den Stühlen oder auf der Speisekarte. «Wir produzieren nur für den Eigenbedarf», erklärt Paul Julen. Auch die Milch seines Milchviehs gehört dazu. «Die bringen wir in die Sennerei, wo Raclette-Käse daraus gemacht wird. Dieser wiederum wird in unseren Restaurants aufgetischt.» Aus den Speiseresten, die in den Restaurants jeweils übrig bleiben, produziert Paul Julen in seiner Biogas-Anlage Strom für über 300 Haushalte in der Schweiz. «Man muss sich das mal vorstellen!», freut sich der Bauer. «Früher benötigten wir 150 Tonnen Heizöl, um diesen Abfall zu verbrennen. Übrig blieb nur Asche. Heute gibts daraus nebst Strom auch Dünger fürs Feld. Woraus wiederum neue Nahrungsmittel entstehen. Ein perfekter Kreislauf!» Obwohl die Familie schon seit jeher Mitglied der LANDI Oberwallis ist und sie praktisch alles Denkbare in der LANDI einkauft, vertreibt sie ihre Produkte dort nicht. Trotzdem schätzt Paul Julen sehr, dass in der LANDI unter dem ­Label «Natürlich vom Hof» die regionale Landwirtschaft gestärkt wird. «Ich schaue oft, was die LANDI verkauft. Andere Detaillisten haben auch Regio-Produkte. Aber keiner ist so nah an den Bäuerinnen und Bauern wie die LANDI.»

Ein Herz für das Vieh
Vor wenigen Jahren entdeckte der Hotelier eine neue Leidenschaft: Die Haltung von Eringerkühen. «Ich wollte eigentlich niemals Eringerkühe haben», lacht Julen. Das erste Sommerstechfest in Zermatt im Jahr 2018 sollte seine Meinung nachhaltig ändern. Ein befreundeter Bauer sprach Paul Julen darauf an, dass an einem Zermatter Stechfest doch auch Zermatter Tiere antreten sollten. Und wer wäre da besser geeignet als ein Julen? So kam es, dass sich Paul Julen zwei Eringerkühe zutat. Eine davon war Dior, einst im Besitz von Beat Furrer, Geschäftsführer der LANDI Oberwallis. Die andere mietete sich Julen vorerst. Einen Sommer lang verbrachte er täglich mit den stolzen Tieren. Er baute eine Bindung zu ihnen auf. «Wir Walliser, wir haben einen ganz extremen Bezug zum Vieh», erklärt Paul Julen. «Sie sind wie Familienmitglieder. Das liegt in unserer DNA: Wenn unsere Vorfahren ein Tier verloren, dann hatten sie nichts zu essen. Die ganze Familie musste darunter leiden. Deshalb tragen wir unseren Tieren grosse Sorge.» 
Heute ist sein Bestand auf gut 20 Erin­gerkühe gewachsen. Bedeutsam tätschelt Paul Julen die Schulter seiner Tundra. Die achtjährige Kuh hatet ihm Ende September grösste Freude beschert. Nach 90 Tagen auf der Alp und unzähligen freiwilligen Stechkämpfen gegen 125 andere Kühe, die sie allesamt besiegt hatte, wurde Tundra vor dem Alp­abzug zur Alpkönigin von Combyre-Meinaz (VS) gekrönt. Die Rasse der Eringerkühe hat einen ausgeprägten Rangordnungssinn und ein kampflustiges Temperament. Entsprechend messen sich die Kühe stets – in freiwilligen Kämpfen, bei denen sie sich selbst Zeitpunkt und Gegnerin aussuchen. «Das Vieh braucht eine Anführerin und dies soll zum Schutz der Herde die stärkste unter den Eringerdamen sein», erklärt Paul Julen. Die Alpkönigin führt traditionsgemäss den Umzug ins Tal an. «Viele stellen sich diese Kämpfe blutrünstig vor», bedauert Julen. Dabei sei das Gegenteil der Fall. «Um Alpkönigin zu werden, braucht es die Ausgeglichenheit und vor allem die Intelligenz der Kuh. Sie muss genau wissen, wie sie ihre Kräfte einteilen muss, um am Ende als Siegerin hervorzugehen», ergänzt er. Eine vermeintliche Gewinnerin könne noch eine Stunde vor Ende der Wertungszeit vom «Thron» gestossen werden.

Mit Offenheit und Bescheidenheit zum Erfolg
Mittlerweile ist Mittag in Zermatt. Paul Julen fährt mit seinem kleinen Elektromobil zurück ins Hotel Julen. Hier hatte vor über einem Jahrhundert die Geschichte seiner Familie begonnen. Und hier kehrt jeden Tag die ganze Familie zum Zmittag ein. An ihren festen Stammplatz, mitten unter den Gästen. «Möglicherweise ist das ein wesentlicher Teil unseres Erfolgs – dass wir nahbar sind und unseren Gästen stets für Fragen zur Verfügung ­stehen.» Deshalb führen sie auch ­wöchentliche Betriebsbesichtigungen durch, wo sie Aufklärungsarbeit für die Landwirtschaft leisten. Dort ist ebenfalls Raum für politische Fragen. Viele der teilweise bis zu 100 Teilnehmenden seien aus der Schweiz. «Wir wollen unserer zum Teil internationalen Kundschaft zeigen, wie die Landwirtschaft in der Schweiz gehandhabt wird. Und wie der Bund uns unterstützt, damit wir diese Berglandwirtschaft und die Alpen betreiben können.» Die Leitung der Hotellerie hat Paul Julen mittlerweile an seinen Sohn, Paul-Marc Julen, übergeben. Er grinst und scherzt: «Ich mache nur noch das, was Spass macht.»

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